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Accessibility-Overlays (accessiBe & Co.): Warum sie das BFSG nicht lösen

Seit das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) gilt, werben zahlreiche Anbieter mit einer „Ein-Zeilen-Lösung“: Ein Skript einbinden, ein Symbol erscheint unten rechts, und der Shop soll barrierefrei oder sogar „BFSG-konform“ sein. Diese Produkte heißen Accessibility-Overlays. Klingt verlockend – doch Fachleute für Barrierefreiheit raten seit Jahren ab. Hier erklären wir, warum.

Keine Rechtsberatung: Dieser Artikel gibt den Stand unserer Recherche (November 2026) wieder und ersetzt keine Rechtsberatung. Für eine verbindliche Einschätzung Ihres Einzelfalls wenden Sie sich bitte an eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt.

Was ist ein Overlay?

Ein Overlay ist ein Script, das sich über die bestehende Website legt. Es bietet meist ein Menü mit Funktionen wie Schrift vergrößern, Kontrast ändern, Animationen stoppen oder eine Vorlesefunktion. Manche Anbieter versprechen zusätzlich, per automatischer Erkennung („KI“) fehlende Alternativtexte, Beschriftungen und ARIA-Attribute im Hintergrund zu ergänzen.

Problem 1: Die Ursachen bleiben im Code

Barrierefreiheit nach WCAG 2.1 betrifft die Struktur der Seite: korrekt beschriftete Formulare, logische Überschriften, Tastaturbedienbarkeit, Fokusführung in Warenkorb-Dialogen, verständliche Fehlermeldungen. Diese Punkte entstehen im Theme und in den Inhalten. Ein nachträglich ausgeführtes Script kann einiges davon kaschieren, aber nicht zuverlässig richtig reparieren – etwa wenn es raten muss, was ein Bild zeigt oder welcher Text zu welchem Feld gehört.

Problem 2: Menschen mit Behinderung haben ihre eigenen Werkzeuge

Blinde Menschen nutzen Screenreader, sehbehinderte Menschen Vergrößerungssoftware oder Systemeinstellungen, motorisch eingeschränkte Menschen Tastatur oder Sprachsteuerung. Diese Hilfsmittel funktionieren dann gut, wenn die Website sauber programmiert ist. Ein zusätzliches Bedienmenü auf der Website hilft wenig – und kann mit den eigenen Hilfsmitteln kollidieren. In Erfahrungsberichten wird genau das immer wieder beschrieben.

Problem 3: Breite Kritik aus der Fachwelt

Das Overlay Fact Sheet ist eine öffentliche Erklärung, die von Hunderten Fachleuten für Barrierefreiheit unterzeichnet wurde. Es empfiehlt Website-Betreibern ausdrücklich, keine Overlays einzusetzen, und Anbietern, keine Konformität zu versprechen, die ihr Produkt nicht liefern kann.

Auch Behörden haben sich mit Werbeaussagen beschäftigt: Die US-Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission (FTC) hat im April 2025 eine endgültige Anordnung gegen den Overlay-Anbieter accessiBe erlassen, verbunden mit einer Zahlung von 1 Million US-Dollar. Die FTC warf dem Unternehmen unter anderem irreführende Aussagen darüber vor, dass sein Tool Websites WCAG-konform machen könne. Das betrifft US-Recht, zeigt aber, wie kritisch solche Versprechen gesehen werden.

Problem 4: Das BFSG verlangt barrierefreie Dienstleistungen – kein Hilfsmenü

Das BFSG verlangt, dass die Dienstleistung selbst die Barrierefreiheitsanforderungen erfüllt; Maßstab ist in der Praxis die EN 301 549 mit WCAG 2.1 Stufe AA. Weder das Gesetz noch die Marktüberwachung erkennen ein bestimmtes Widget als Nachweis an. Entscheidend ist, ob die Seiten tatsächlich wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sind. Ein Overlay-Symbol auf einer Seite mit unbeschrifteten Buttons und fehlendem Fokus ändert daran nichts.

Hinzu kommt: Overlays laden zusätzliches JavaScript (Ladezeit) und übertragen je nach Anbieter Daten an Dritte – ein Punkt für Ihre Datenschutzerklärung und Einwilligungsverwaltung.

Sind alle Barrierefreiheits-Tools schlecht?

Nein. Nützlich sind Werkzeuge, die Ihnen helfen, Fehler zu finden und im Code zu beheben: Prüftools wie axe DevTools, WAVE oder Lighthouse, Kontrastrechner, barrierefrei entwickelte Themes und Plugins, die echtes HTML verbessern. Der Unterschied: Diese Werkzeuge verändern die Ursache, nicht nur die Oberfläche.

Was stattdessen tun?

  1. Den Shop prüfen: automatisiert und manuell mit Tastatur und Screenreader.
  2. Die häufigsten Fehler im Theme beheben: Fokus, Kontraste, Alternativtexte, Beschriftungen, Formulare, Dialoge. Konkrete Beispiele finden Sie in den 10 WCAG-Fixes für WooCommerce und der BFSG-Checkliste für Shopify.
  3. Apps und Plugins kritisch prüfen und ggf. ersetzen.
  4. Eine ehrliche Barrierefreiheitserklärung veröffentlichen.
  5. Ein bestehendes Overlay entfernen, sobald die Fixes umgesetzt sind – es spart Kosten und Ladezeit.

Ob Sie überhaupt betroffen sind, klärt unser Artikel zu Bußgeld, Abmahnung und Kleinstunternehmen-Ausnahme.

Quellen

Häufige Fragen

Macht ein Overlay wie accessiBe meinen Shop BFSG-konform?

Nein, davon ist nicht auszugehen. Das BFSG verlangt, dass die Dienstleistung selbst barrierefrei ist. Overlays beheben die Ursachen im Code in der Regel nicht, und kein Widget gilt als Nachweis der Konformität.

Warum raten Fachleute von Overlays ab?

Weil sie strukturelle Fehler nicht zuverlässig beheben, mit Hilfsmitteln wie Screenreadern kollidieren können und oft mehr versprechen, als sie leisten. Das Overlay Fact Sheet, von Hunderten Fachleuten unterzeichnet, rät ausdrücklich davon ab.

Gab es behördliche Maßnahmen gegen Overlay-Anbieter?

Ja. Die US-Behörde FTC hat 2025 eine Anordnung gegen accessiBe erlassen, verbunden mit einer Zahlung von 1 Million US-Dollar, wegen irreführender Aussagen über die WCAG-Konformität.

Soll ich ein vorhandenes Overlay sofort entfernen?

Sinnvoll ist, zuerst die eigentlichen Barrieren im Theme zu beheben und das Overlay danach zu entfernen.